Ärztemangel trotz Überversorgung

Eine aktuelle Studie vom Institut für Gesundheit und Soziales (Iges) zeigt die große Ungleichverteilung der ärztlichen ambulanten Versorgung. Der Überversorgung „auf dem Papier“ steht in Realität ein Ärztemangel entgegen.

Gemessen an der Bevölkerungszahl gibt es in Berlin beispielweise genügend Kinder- und Augenärzte oder zumindest mehr als in Bundesdurchschnitt. Auch bei den Hausärzten liegt „auf dem Papier“ also laut aktueller Bedarfsplanung (Stand per 1. Juli 2016) eine Überversorgung vor.

Das widerspricht aber klar den Erfahrungen, die viele arztsuchenden Berliner täglich machen. Deshalb haben die Bezirke Neukölln und Lichtenberg beim Institut für Gesundheit und Soziales (Iges) eine Studie in Auftrag gegeben. Damit sollen die Unterschiede in der ärztlichen Versorgung zwischen den Bezirken aufgezeigt werden. Wenig überraschend zeigt die Studie eine deutliche Ungleichverteilung zwischen den Berliner Bezirken.  

„In den wohlhabenden Bezirken im Südwesten Berlins ist die ärztliche Versorgung generell außerordentlich gut. Manchmal weniger gut, oft jedoch deutlich schlechter sieht es insbesondere in Neukölln, Marzahn-Hellersdorf, Treptow-Köpenick und eben Lichtenberg aus“, schreibt der rbb mit Verweis auf die Studie.

Kritik an der KV

Die Ursachen für diese Ungleichverteilung sehen die Auftraggeber der Studie an der Bedarfsplanung der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin (KV Berlin). Denn diese betrachte das ganze Stadtgebiet Berlin als einen einzigen Zulassungsbezirk. Die niedergelassenen Ärzte werden der Gesamtbevölkerung gegenübergestellt. Daraus entsteht eine gute Versorgung von Haus- und Fachärzten in Berlin. Die bezirklichen Unterschiede bleiben aber unberücksichtigt, denn die vielen Ärzte im wohlhabenden Südwesten der Stadt „ziehen den Schnitt nach oben“.

Diese Ungleichverteilung belastet auch die Kassen des Senats. Denn dort, wo Fachärzte fehlen, gehen viele Patienten in die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Mit Patienten, die ambulant versorgt werden könnten, fahren die Krankenhäuser hingegen Verluste ein, welche dann durch Zahlungen des Senats wieder ausgeglichen werden müssen.

Die auftraggebenden Bezirke Neukölln und Lichtenberg fordern daher eine detaillierte Betrachtungsweise der KV Berlin und eine stärkere Berücksichtigung der Bezirke mit weniger niedergelassenen Ärzte. Zudem fordern die Bezirke eine Anhebung der Definition „Unterversorgung“. Bei Hausärzten gilt diese ab unter 75 Prozent, bei Fachärzten ab unter 50 Prozent.

Das Verhältnis Anzahl der niedergelassenen Ärzte versus Bevölkerungszahl ist viel zu kurz gesprungen, so die Forderung der Bezirke Neukölln und Lichtenberg. Vielmehr sollten auch Altersstruktur, soziale Lage und die allgemeine Gesundheit der Bevölkerung Berücksichtigung finden. „Nicht nur auf Patientenseite, sondern auch von den niedergelassenen oder niederlassungswilligen Ärzten gibt es immer berechtigte Kritik an der Bedarfsplanung“, weiß René Deutschmann, Inhaber der Beratung für Medizin in Berlin, aus seinen Beratungsgesprächen zu berichten. Diese ist deutlich zu wenig differenziert.

Kommunale MVZs als Lösung

Neukölln und Lichtenberg suchen ihren eigenen Weg, um die starre, realitätsferne Versorgungssteuerung zu umgehen. Als Lösung soll die Errichtung kommunaler medizinischer Versorgungszentren (MVZ) dienen. So sagte der Neuköllner Gesundheitsstadtrat Falko Lieke (CDU) in der rbb-Abendschau: „Damit (Anmerkung der Redaktion: kommunale MVZs) können wir eigene Ärzte einstellen in privater Rechtsform. Weil Zulassungsausschuss und Kassenärztliche Vereinigung scheinbar die Notwendigkeit nicht erkannt haben.“